Interview – Datengetriebene Energiewirtschaft

Interview mit Karsten Vortanz, Geschäftsführer bei VOLTARIS, über die datengetriebene Energiewirtschaft

karsten-vortanz-voltarisVOLTARIS ist der Experte für Lösungen im Energiedatenmanagement, Messstellenbetrieb und Smart Metering für Stadt- und Gemeindewerke, Netzbetreiber, Industrie und Gewerbe. Die Gesellschaft bietet passgenaue Lösungen rund um moderne Messeinrichtungen und Smart Meter Gateway zum Betrieb von intelligenten Messsystemen, Gateway- Administration, Lösungen für Gerätemanagement und Marktkommunikation, Datenmanagement (MDM, EDM), WiM-Prozesse, Mehrwertdienste wie Smart Metering, Visualisierung und EEG-Lösungen.

Connected Industry: Bitte skizzieren Sie das Geschäftsmodell von VOLTARIS

VOLTARIS ist einer der größten unabhängigen Dienstleister im klassischen Metering sowie intelligenten Metering in Deutschland. Wir sind der Messstellenbetreiber von über 1 Mio. Strom-, Gas-, Wasser- und Wärmezählern mit rund 200 B2B-Kunden, vorwiegend im Saarland und Rheinland-Pfalz. Unsere Kunden sind Stadtwerke, Energieversorger, Kommunen und Industrie. Dabei arbeiten wir im Hintergrund – da das Stadtwerk den Endkundenkontakt hat – und bieten sämtliche Dienstleistungen für den grundzuständigen Meßstellenbetreiber, dem Netzbetreiber in einem Netzgebiet.

Connected Industry: Welche Erkenntnisse können aus den Daten gewonnen werden, welcher Mehrwert entsteht daraus?

Im neuen Meßstellenbetriebsgesetz gibt es zunächst neue Begrifflichkeiten: Smart Metering wurde durch das intelligente Meßsystem abgelöst. Das intelligente Meßsystem ist dabei eine moderne Meßeinrichtung, die an ein computergestütztes Kommunikationsnetz angeschlossen ist. Dies betrifft alle Haushaltskunden und Energiekunden ab einem Jahresverbrauch von 6.000 kWh. Unterhalb dieser Schwelle wird eine moderne Meßeinrichtung verbaut – das entspricht auch einem Smart Meter, jedoch ohne Kommunikationsanbindung. Diese hat nur die Auflage, Verbrauchsdaten für zwei Jahre zu speichern und muss künftig über ein Smart Meter Gateway an ein Kommunikationssystem angebunden werden können.

Bislang gab es einen datenbasierten Output nur bei Verbräuchen über 100.000 kWh – hier wurden die Daten im 15-Minutentakt ausgelesen und dann wurde vorwiegend Bilanzierung gemacht. Künftig werden die Verbrauchsdaten auch von Kunden ab 6.000 kWh eingesammelt mit dem Ziel, diese Verbräuche dem Endkunden zur Verfügung zu stellen und Einsparungen zu erzielen. Also: die Visualisierung und daraus Erkenntnisse ziehen, um Energie einzusparen – dies ist ein wesentlicher Punkt mit einer künftig hohen Bedeutung. Das zweite Thema ist, diese Daten, die wir im 15-Minutentakt zur Verfügung haben, täglich auszulesen und Produkte anzubieten: Zeit- und lastvariable Tarife sowie Einbindung in Smart Grids.

Die vielen Insellösungen im Energiesektor führen zudem zu kleinen Smart Grids, die autonom agieren. Wenn dabei zu viel Last im Netz ist, muss man abschalten können – das wird mit Smart Metern passieren und dafür werden die Daten benötigt.

Connected Industry: An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?

Wir arbeiten aktuell an drei großen F&E-Projekten: Das PolyEnergyNet – hier geht es um die Konzeption und Erprobung eines robusten Netzbetriebs, der auf die Volatilität von Einspeisung und Verbrauch reagieren kann, d.h. Insellösungen. Also: Daten auswerten und dann die momentan vorhandene Energie mit den Verbräuchen gegenüberstellen – damit kleine Insellösungen, Arealnetze, einzelne Stadtteile unabhängig voneinander agieren können. Darüber hinaus arbeiten wir am Designetz, eines von sechs großen Forschungsprojekten, die von der Bundesregierung ausgeschrieben wurden. Hier werden Konzepte und Lösungen für intelligente Netze erprobt. Dabei sind 140 Projektpartner, u.a. RWE, die Telekom und unsere Gesellschafter, die Pfalzwerke und VSE. Dies ist noch im Forschungsstadium und beginnt am 1.1.2017. Das dritte große Thema ist die Erprobung von Lithium-Ionen-Speichern für deren Integration ins Netz.

Connected Industry: Was ist Ihre Vision von der datengetriebenen Energiewirtschaft?

In naher Zukunft werden wir die ersten ausreichenden Mengen an Zählern im Netz haben, so dass wir dann erste Analysen durchführen können. Dabei muss sich die Energiewirtschaft umstellen, um aus diesen riesigen Datenmengen neue Geschäftsmodelle aufzubauen und einen Nutzen zu ziehen – vor allem für den Endnutzer. Die Energiewirtschaft wird somit künftig deutlich datengetriebener sein, als sie es heute ist: Analysen auf Basis der Daten, Energieberatung auf Basis von Verbräuchen oder Vorschläge für einzusetzende Haushaltsgeräten, um Energie einzusparen und steuerbar zu machen. Wir haben auf der Agenda, bis 2050 80% aus regenerativen Energien machen wollen – dazu muss der Energiesektor auf Basis der Daten gesteuert und geregelt werden können. Davon sind wir aktuell noch weit entfernt.

Interview – Das digitale Hamburg

Interview mit Dr. Sebastian Saxe über die Bedeutung der Digitalisierung und über das neue digitale Hamburg

Dr. Sebastian Saxe ist CIO und CDO der Hamburg Port Authority (HPA), der Verwaltung des Hamburger Hafens. Der Diplom-Mathematiker gilt als ein Pionier in der Digitalisierung der Logistik und ist zudem einer der ersten Chief Digital Officer in einem deutschen Unternehmen.

Connected Industry: Herr Dr. Saxe, welcher Weg hat Sie bis in die Geschäftsleitung des Hamburger Hafens geführt?

Ich bin seit mehr als sieben Jahren bei der Hamburg Port Authority, begann meine Karriere jedoch als wissenschaftlicher Mitarbeiter an zwei Universitäten und danach als Trainee beim Senatsamt der Hansestadt Hamburg. Ich arbeitete in der Hamburger Stadtentwicklungsbehörde, Baubehörde, Finanzbehörde und übernahm 1997 die Leitung des Landesamts für Informationstechnik. Bevor ich in den Hafen wechselte, war ich als Vorstand für Technik bei Dataport, einem Dienstleister für Informations- und Kommunikationstechnik der öffentlichen Verwaltung, tätig.

Als ich 2009 im Hafen anfing, erwartete ich eine starke IT Durchdringung, wie man sie beispielsweise aus der Automobilbranche kennt. Ein Irrtum. In dieser Zeit beschleunigte sich allerdings der Trend der Digitalisierung und damit verbunden waren Begriffe wie das Internet der Dinge und Big Data. Die  immensen Möglichkeiten für die Logistikbranche und damit für die HPA und den Hafen haben wir erkannt und eine langfristige Strategie zur Implementierung der Digitalisierung in der HPA aufgestellt.

Im Jahre 2012 hat sich die HPA um die Ausrichtung der größten Hafenkonferenz, der International Association of Ports and Harbors (IAPH), beworben, die dann auch 2015 in Hamburg unter dem Motto „smartPORT Hamburg“ stattfand. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir zwar Ideen, aber keine „wahren“ Digitalisierungsprojekte in Umsetzung. 2015 konnten wir dann mehr als 20 digitale Prototypen vorstellen, die in der Hafenlogistik unterstützende Funktionen zum Themenkomplex Smart Port Logistics aufzeigen. Dies war unser konkreter Einstieg in die aktive Umsetzung der Digitalisierung.

Connected Industry: Seit 2013 sind Sie Chief Digital Officer (CDO) der Hamburg Port Authority. Wie kam es dazu und was grenzt einen CDO vom CIO ab?

Während der CIO die Stabilität des Betriebes und die IT-Architektur des Unternehmens vorgibt, treibt der CDO den Fortschritt des Unternehmens auf Basis des digitalen Wandels aktiv voran. Der CDO schafft das Bewusstsein bei der Mitarbeiterschaft, erkennt digitale Geschäftsmodelle und führt das Unternehmen gemeinsame mit dem CEO in das Digitale Zeitalter.  Dieses Jahr 2016 haben wir neben der Innovationseinheit und der operativen IT die Digitalisierung organisatorisch im Unternehmen verankert. Über diese Einheit entwickeln wir Konzepte, wie wir nicht nur mit dem digitalen Wandel Schritt halten, sondern Pionierarbeit leisten können. Wenn sie einmal Innovationsarbeit gemacht haben, wissen sie wie dick die Bretter sind, die sie bohren müssen, aber in der heutigen Zeit ist das wegen des Digitalen Wandels bedeutender denn je. Wir schreiben kontinuierlich unsere Digitalisierungsstrategie fort, auch das ist neu, jedoch müssen wir hier auch umdenken und agiler werden.

Connected Industry: Stehen neue Geschäftsmodelle dabei im Vordergrund?

Bei der Digitalisierung geht es darum, wie traditionelle Prozesse optimiert und neue Geschäftsmodelle entwickelt werden können. Letzteres steht dabei aus meiner Sicht im Fokus.

Connected Industry: Was setzen Sie aktuell ganz konkret um?

Bei der Hamburger Port Authority hält die Digitalisierung gerade Einzug in die Transportlogistik auf den Verkehrswegen. So setzten wir zum Beispiel in der Nautischen Zentrale der HPA sehr erfolgreich unser Leitstandsystem PORT Monitor ein. Dieser liefert in Echtzeit und auf Basis georeferenzierter Daten Informationen über Ereignisse und Zustände der Wasserstraßen im Hamburger Hafen, welche die Nautische Zentrale zur Überwachung des Hamburger Hafengebiets und seiner Elbzufahrt benötigen. Hierzu zählen unter anderem die aktuelle Position und die Ziele der Schiffe, Pegeldaten, Liegeplätze, Brückenhöhen oder auch aktuelle Baustellen. Dabei geht es konkret darum, die Schiffe zum richtigen Zeitpunkt über den optimalen Weg an die Kaikante zu lenken. Dazu brauchen Sie einen Leitstand, der beschreibt, wo die Schiffe anlegen sollen und wie lange sie dortbleiben können, unter Berücksichtigung der Gezeiten, Baustellen und sonstigen dynamischen Faktoren. Wir wollten einen der modernsten Leitstände der Welt schaffen und schufen dafür eine digitale Karte des Hafens auf, die alle dynamischen Parameter in Echtzeit abbildet. Dieses bidirektionale „Nervensystem“ ermöglicht nicht nur den Abruf der Hafensituation oder lokalen Informationen über mobile Endgeräte, beispielsweise ein Tablet, sondern auch das Melden von Baustellen und anderen Vorkommnissen direkt in die Nautische Zentrale des Hafens.

Ein weiteres Beispiel ist die Überwachung des Verkehrsflusses auf der Straße und von Maschinen und Bauanlagen. Neben einem Leitstand für die Wasserwege gibt es auch einen Leitstand für den Straßenverkehr des Hafens, das sog. Port Road Managementcenter.

Stellen Sie sich vor, ein Containerschiff lädt 7000 Container ab. Damit der LKW-Fahrer unnötige Wartezeiten und Stau im Hafen vermeidet, muss er im Grunde Just-in-Time an der Kaikante stehen, wenn sein Container abgeladen wird. Über die App „Smart Port Logistics“, können dann auch LKW-Parkplätze gebucht werden und die App empfiehlt den Zeitpunkt, wann der LKW-Fahrer den Container abholen kann.

Aktuell testen wir zudem auf einem ausgewählten Straßenabschnitt im Hamburger Hafen Anwendungsmöglichkeiten einer intelligenten Straße. Elemente der „smartROAD“ sind z.B. technologische Möglichkeiten der Verkehrserfassung und -steuerung sowie adaptiver Beleuchtung für Fußgänger und Radfahrer. Die smartROAD ist ein Mosaikstein im Gesamtkonzept des intelligenten Hafens und eine Art Blaupause für anderen Infrastrukturen.

Connected Industry: Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen beim Durchdringen der Digitalisierung?

Es gibt in der Hafenlogistik viele traditionelle Unternehmen, die die Investition in Digitalisierung bisher scheuen. Jedoch drängen neue Player in den Markt, die Logistikprozesse mitgestalten wollen. 2016 ist im Hamburger Hafen das Jahr der Digitalisierung. Gemeinsam sind wir im Hafen auf gutem Kurs. Nichtsdestotrotz ist die große Herausforderung allen Beteiligten im Hamburger Hafen die Chancen, die durch Digitalisierung entstehen aufzuzeigen. Meiner Meinung geht das am besten anhand von konkreten Beispielen, deshalb sind unsere Pilotprojekte auch so wichtig.

Connected Industry: Wie ordnen sich die Aktivitäten des Hamburger Hafens in die Stadt ein?

Wir haben die Chance, im Hafen Technologien zu testen und Abläufe zu optimieren. Von den Erfahrungen, die wir machen, profitiert auch die Stadt über die Hafengrenzen hinaus. Das ist auch eine sehr positive Besonderheit Hamburgs. Wir haben auf der einen Seite mit der Leitstelle Digitale Stadt, die direkt beim Bürgermeister in der Senatskanzlei angesiedelt ist, eine Verwaltung die großes Engagement für die Smart City zeigt und Digitalisierung für die Bürger nutzbar machen will. Auf der anderen Seite habe wir den Hamburger Hafen, der auf annähernd gleicher Fläche mehr Umschlag machen wird. Das geht nur durch den Digitalen Wandel. Um den Digitalen Wandel konkret zu machen, setzen wir Projekte um, aus denen auch die Stadt lernt. Als Hamburger Hafen sind wird Teilbereich und gleichzeitig der Vorreiter des digitalen Wandels.

Interview – Digitalisierung in der Energiebranche

Interview mit Herrn Robin Mager von N-ERGIE über die Bedeutung der Digitalisierung für die Energiebranche

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Robin Mager ist Geschäftsführer der itecPlus GmbH, die IT-Tochter des Nürnberger Energieversorgers N-ERGIE Aktiengesellschaft, die IT-Projekte für den Konzern plant und durchführt. Die itecPlus GmbH hat sich auf die Planung, Inbetriebnahme und Wartung von Informations- und Telekommunikationssystemen spezialisiert.

Connected Industry: Herr Mager, welcher Weg hat Sie bis an die Spitze der IT von N-ERGIE geführt?

Schon im Studium der Wirtschaftsinformatik befasste ich mich mit der Implementierung von IT-Systemen, insbesondere mit SAP-Systemen. Dieses Grundwissen konnte ich dann als Consultant bei Accenture und anderen Unternehmensberatungen vertiefen und zeitgleich fachlich die Liberalisierung der Energiewirtschaft nutzen, um tiefes Branchen-Know-how aufzubauen.

Irgendwann kam ich zu dem Ergebnis, dass ich direkt in der Industrie noch mehr bewegen könnte. Daher bin ich im Jahr 2011 von der Beratungsseite in die Industrie gewechselt mit dem Ziel, langfristig die Gesamtverantwortung für einen IT-Bereich zu übernehmen. So kam ich 2015 zum Energieversorger N-ERGIE in Nürnberg, der in einem besonderen Maße die  Megatrends Energiewende und Digitalisierung  als ein herausforderndes Umfeld geboten hat.

Connected Industry: Die Trends rund um Big Data und künstlicher Intelligenz beschäftigen Industrie-Unternehmen im Namen der Industrie 4.0, beispielsweise um Energiekosten in der Smart Factory zu senken. Welche Rolle übernehmen Energieversorger dabei und mit welchen Konzepten befassen Sie sich in diesem Kontext?

In diesen Zeiten des Wandels sind Energieversorger wichtige Ansprechpartner für die Industrie. Wir möchten und können der richtige Berater sein, wenn es darum geht, wirtschaftliche und umweltschonende Rahmenbedingungen beim Energieverbrauch zu schaffen.

Derzeit bereiten wir in unserem Netzgebiet mit einer Größe von ungefähr 8.000 km² einen flächendeckenden Roll-Out von intelligenten Zählern und Messsystemen vor. Sie dienen als sichere Kommunikationsplattform, um das Stromversorgungssystem energiewendetauglich zu machen. Die Kernaufgabe ist dabei, Kundennutzen zu stiften, indem wir einerseits die Effizienz und Ausfallsicherheit erhöhen und andererseits auf Basis dieser Kommunikationsplattform Zusatzdienste entwickelt und angeboten werden können. Für uns wäre es langfristig gesehen eine Sackgasse, nur auf den Energieverbrauch von Kunden zu setzen. Wenn wir nicht diejenigen sind, die unsere Kunden an die Hand nehmen und vor dem Hintergrund der Chancen der Digitalisierung auch Beratung bzw. konkrete Lösungen anbieten, werden es andere tun. Deswegen vertreten wir einen partnerschaftlichen Ansatz.

Connected Industry: N-ERGIE nutzt selbst Maschinen und Anlagen. Sind Sie auch intern mit der Industrie 4.0 bzw. damit in Verbindung gebrachte Technologien befasst?

Natürlich, insbesondere über die stetig voranschreitende Ausbreitung der Sensorik. Wir streben ein immer umfassenderes Monitoring von Energieerzeugung und -verbrauch an und möchten die Energieverfügbarkeit noch besser gewährleisten. Ein Thema ist dabei auch die zustandsorientierte Instandhaltung bzw. vorausschauende Wartung.

Die Welt von morgen sieht für uns so aus, dass intelligente Algorithmen für ein Asset – das können Maschinenanlagen aber auch einzelne Bauteile, beispielsweise Kabel sein – über Sensoren vorausberechnen, wann der sinnvolle Zeitpunkt ist, die nächste Wartung präventiv durchzuführen, bevor die Anlage ausfällt. Automatisch wird bestimmt, welcher Techniker mit notwendiger Qualifikation in der Nähe verfügbar ist. Dieser bekommt den Wartungsauftrag dann mobil auf sein Smartphone oder Tablet übermittelt, um über seine Datenbrille in einer Schritt-für-Schritt Anleitung durch den Wartungsvorgang geführt zu werden. Technisch komplizierte Fälle werden dann vor Ort per Videokonferenz mit dem Meister im Büro abgeklärt und die Auftragsabarbeitung per mobilem Endgerät direkt dokumentiert.

Wenn wir auf unsere Erzeugungskraftwerke, Anlagen und Netze schauen, finden wir also viele Analogien zur Industrie 4.0.

Connected Industry: Welche Rolle spielt Big Data Analytics dabei?

Wie erwähnt planen wir ein flächendeckendes Ausbringen von intelligenten Zählern und Messsystemen, wodurch wir eine hohe Anzahl an neuen Messpunkten erhalten werden. Die Prinzipien von Big Data Analytics können dann die dadurch verfügbaren, großen Datenmengen in den verschiedensten Wertschöpfungsstufen eines Energieversorgers nutzbar machen. Beispielsweise wird die intelligente Steuerung des Energieversorgungsnetzes auf Basis dieser Daten, dazu beitragen, den aus den Energiewende resultierenden, investitionsintensiven Netzausbau zu minimieren.

Big Data Analytics sowie eine stärkere Algorithmisierung unserer Prozesse im Energiehandel und der Energieerzeugung tragen dazu bei, auch bei kleineren Erzeugungsanlagen Angebot und Nachfrage schneller und flexibler zusammenzubringen. Im Ergebnis wird die Versorgungssicherheit in Deutschland weiter gestärkt.

Connected Industry: Solarenergie und die eMobility machen nun auch Konsumenten zu kleinen Energieproduzenten, die Ihre erzeugte oder gespeicherte Energie in das Stromnetz einspeisen möchten. Könnten sich die traditionellen Energielieferanten zukünftig in reine Infrastrukturanbieter entwickeln?

Wir sind von der deutschen Energiewende massiv betroffen. In unserem Netzgebiet speisen etwa 47.000 dezentrale Erzeugungsanlagen Strom ein.

Die Entschleunigung der Energiewende durch das Sinken der Subventionsbereitschaft der Bundesregierung führt bei unseren Kunden zu einem großen Bedarf, deutlich aktiver am deutschen Energiemarkt teilzunehmen. Wenn wir als Branche unsere Erfahrung aus der Energievermarktung nutzen, können wir Synergien schaffen und auch von dieser Dezentralität profitieren, stets nach dem Motto: Wenn wir es nicht tun, werden es andere tun. Mit gesundem Selbstbewusstsein und der Bereitschaft, unsere Erfahrung und Kernkompetenz einzubringen, stellt dieser Wandel für uns und die Energieversorger im Allgemeinen eher eine große Chance als eine Gefahr dar.

Connected Industry: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Herausforderungen in der Energiebranche?

Es gibt meines Erachtens zwei wesentliche Treiber.

Zum einen haben wir die deutsche Energiewende, die es in dieser Komplexität, Geschwindigkeit und Intensität weltweit nur einmal gibt. In Deutschland haben wir eine Zersplitterung des Angebotes. Während es beispielsweise in Frankreich etwa eine Handvoll Energieversorger gibt, haben wir in Deutschland tausende. Aus dieser Tatsache ergeben sich neue Herausforderungen auch für die IT-Infrastruktur.

Der zweite Treiber ist der kulturelle Wandel. Erst vor gut zehn Jahren wurde durch die Liberalisierung der freie Wettbewerb in der Energiewirtschaft zugelassen, was natürlich kulturelle Herausforderungen in der Führungs- und Arbeitskultur zur Konsequenz hat. Wir können es uns nicht mehr leisten, zu zögern und nur zuzuschauen. Wir müssen agiler werden, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und dazu konsequent die Chancen der Digitalisierung nutzen und den Risiken entsprechend aufgreifen und minimieren.

Die digitale Transformation wird auch die deutsche Energiewirtschaft evolutionär, vielleicht sogar revolutionär erfassen.

Interview – Digitalisierung in der Medienbranche

Interview mit Johannes Claes vom ZDF über die Bedeutung der Digitalisierung für die Medienbranche

JohannesClaesJohannes Claes ist Geschäftsbereichsleiter für Informations- und Systemtechnologie beim Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF), einer der größten öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten Europas mit Sitz in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz.

Connected Industry: Herr Claes, welcher Weg hat Sie bis an die Spitze der IT beim ZDF geführt?

Ich habe meine Arbeit immer mit viele Freude und Engagement gemacht und zugegriffen, wenn sich neue Chancen ergeben haben. So bin ich vom Toningenieur zum Leiter der Informations- und Systemtechnologie aufgestiegen.
Zu Beginn meiner Laufbahn im ZDF habe ich nahezu alle produktionstechnischen Bereiche des ZDF durchlaufen, war in Folge knapp drei Jahre Hauptabteilungsleiter Technik beim deutschfranzösischen Kulturkanal Arte in Straßburg, danach vier Jahre Geschäftsbereichsleiter für alle Studios im In- und Ausland. Seit Ende 2013 leite ich die komplette Informationstechnologie des ZDF. Hierzu gehören u.a. die Planung und der Service der Produktions- und Sendetechnik inklusive der Online-Systeme und Übertragungsnetze sowie die Sicherstellung der Programmverbreitung.

Connected Industry: Als öffentlich-rechtliche Sendeanstalt konkurrieren Sie nicht nur mit den Privatsendern, sondern auch mit den neuen Medien wie Netflix, Amazon und Google (Youtube). Wie hoch wirkt dieser Druck und welche Strategien werden hier entwickelt?

Wir nehmen die neuen Angebote mit geschärfter Aufmerksamkeit war. Aber wenn wir weiterhin durch „Qualitätsfernsehen“ überzeugen, also durch interessante und qualitativ hochwertige Angebote für die Zuschauer, dann werden wir auch zukünftig ein starkes Gegengewicht für die neuen Konkurrenten darstellen. Unsere Stärken liegen u.a. in der aktuellen Berichterstattung, in der qualitativ hochwertigen Einordnung und Erklärung von Sachverhalten und in der Erstellung eines breit gefächerten Programmangebotes. Das ist ein Anspruch, den die Konkurrenten erst einmal dauerhaft erfüllen müssen.

Connected Industry: Als Konsument der Mediatheken der ARD und des ZDF fällt mir auf, dass Sie auf allen mobilen Plattformen die notwendige App anbieten, neben iOs und Android beispielsweise auch für Windows Mobile. Laufen Zuschauer aus dem Internet denen vorm Fernseher den Rang ab?

Das lineare Fernsehen ist für unsere Zuschauer nach wie vor von großer Bedeutung, das beweisen Marktstudien. Auf der anderen Seite steigen die Zahlen des Abruffernsehens (VoD), z.B. aus der ZDFMediathek, stetig. Wir passen deshalb unsere Aktivitäten ständig diesem Trend an und werden beispielsweise im Herbst 2016 einen Relaunch der Mediathek präsentieren, der neue und innovative Impulse setzen wird.

Connected Industry: Welche Rolle spielt Big Data Analytics? Es gibt ja einige Anekdoten, dass Hollywood bereits über die Auswertung von Zuschauermeinungen im Internet den Verlauf von TV-Serien steuert.

Analytics spielen in der Tat für die Industrie auch bei der inhaltlichen Arbeit eine wichtige Rolle, denn die immer detaillierteren Erkenntnisse sind heute sehr vielseitig nutzbar. Hierbei sind viele Anwendungsfelder für uns erst noch zu entdecken. Bei der Personalisierung unserer Angebote stehen wir beispielsweise noch am Anfang. Insofern ist dies ein sehr dynamisches Gebiet.

Connected Industry: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Herausforderungen für deutsche Unternehmen, um beim digitalen Wandel Schritt halten zu können?

Die Digitalisierung ist alternativlos, bedeutet somit eine große Herausforderung und gleichzeitig eine große Chance. Eine Herausforderung der nächsten Jahre, angesichts des demografischen Wandels, besteht im Wettbewerb um die klugen jungen Köpfe, die „Digital Natives“. Darüber hinaus müssen wir lernen, dass es keine Schande ist „erfolgreich“ zu scheitern, wenn wir bereit sind aus den gewonnen Erkenntnissen zu lernen und schnell wieder neu durchzustarten. Hierfür brauchen wir Menschen, die bereit sind, ohne Angst souveräne Entscheidungen zu treffen.

Interview – Die Rolle der IT-Governance im digitalen Wandel

Interview mit Herrn Dr. Patrick Stoll von der TRUMPF GmbH + Co. KG

dr-patrick-stollDr. Patrick Stoll ist mitverantwortlich für Projektportfolioplanung und IT-Governance im Bereich Business Information Services bei der TRUMPF GmbH + Co. KG. Er ist Buchautor im Themengebiet E-Procurement und darüber hinaus Gastdozent für den Studiengang ERP-Systeme & Geschäftsprozessmanagement an der FH Kufstein Tirol.

Connected Industry: Herr Dr. Stoll, welcher Weg hat Sie zur IT-Governance bei TRUMPF geführt? Womit befasst sich die IT-Governance und welche Kenntnisse sind dafür nötig?

Ich bin bei TRUMPF als Projektportfolio-Manager eingestiegen und habe dann meinen Aufgabenbereich Stück für Stück auf die übrigen Themen im Bereich IT-Governance ausgedehnt. Ich war selbst überrascht, wie viele Themen aus meinem bisherigen Werdegang mit IT-Governance Berührung haben. Beispielsweise ist in der IT-Governance Einkaufswissen sehr wichtig, denn ein wesentlicher Teil der IT-Governance besteht aus der Steuerung der Beschaffung von externen IT-Leistungen. Ein Händchen für Controlling ist förderlich, denn ohne Zahlen und Fakten kommt man in der IT-Governance nicht weit. Weiterhin sollte man selbst etwas von IT-Architektur verstehen. Wenn man im operativen Geschäft der IT nicht mitreden kann, ist das ein erheblicher Nachteil. Neben den greifbaren IT-Kenntnissen bedarf es aber auch Soft Skills. In der IT-Governance arbeitet man mehr mit Menschen als mit IT, daher muss man Spaß haben, mit Menschen zu arbeiten. Grundsätzlich ist IT-Governance eher ein Thema für Generalisten als für Spezialisten.

Connected Industry: Die aufgezeigten Visionen rund um die Themen Big Data und Industrie 4.0 überschlagen sich zurzeit nur so, welche Rolle spielt die IT-Governance dabei? Droht diese im Eifer des Gefechts außer Acht gelassen zu werden?

Das kommt ganz massiv darauf an, was Sie der IT-Governance zurechnen. Sobald Sie das Thema IT-Sicherheit der IT-Governance zuschlagen, spielt die IT-Governance eine entscheidende Rolle bei diesen Trendthemen. Weiterhin sind bei diesen Themen in der Regel externe Systemlieferanten und Dienstleister involviert. Deren Auswahl und Steuerung betrifft ebenfalls die IT-Governance.

Generell kann man sagen, dass sowohl Big Data als auch Industrie 4.0 für die allermeisten Unternehmen strategische Themen sind. Die IT kann und soll die Unternehmensstrategie als Enabler unterstützen. Die Aufgabe der IT-Governance ist es, im ersten Schritt den Fit zwischen Unternehmensstrategie und IT-Strategie sicherzustellen und im zweiten Schritt die IT-Strategie über entsprechende Prozesse in Handlungsanweisungen für das IT-Tagesgeschäft zu übersetzen. Dafür zu sorgen, dass im Tagesgeschäft Einzelentscheidungen im Sinne der IT-Strategie getroffen werden, das ist die hohe Kunst.

Connected Industry: Ist IT-Governance gleich IT-Compliance?

Es gibt eine Schnittmenge zwischen der Compliance und der IT-Governance. Natürlich gibt es die Möglichkeit, in der IT-Governance mit der Compliance als Werkzeug zu arbeiten, dies alleine deckt die vielen Facetten der IT-Governance jedoch nicht ab.

Connected Industry: Womit befassen Sie sich in der IT-Governance genau?

Unser Hauptthema ist das Multi-Projekt- und Portfolio-Management. Enterprise Architecture Management sowie das IT-Sourcing, also die Beschaffung von IT-Systemen, sind weitere Handlungsfelder. Bei uns aktuell nicht im Fokus, aber auf der Roadmap, ist das IT-Prozessmanagement, dass die Fragen beantwortet, wie Prozesse in der IT gesteuert, überwacht und verbessert werden können, sowie die Steuerung der IT-Sicherheit. Insgesamt ist das IT-Governance ein strategisches Sach- und Arbeitsgebiet, d.h. die IT-Governance hat selbst keine operativen Aufgaben, sondern stellt den Rahmen für das operative IT-Geschäft.

Connected Industry: Welche Herausforderungen stellt der digitale Wandel für die IT-Governance?

Die digitale Transformation führt dazu, dass bei Unternehmen der Bedarf an IT deutlich ansteigt – viel stärker als jemals zuvor. Es stehen im Verhältnis immer knappere Mittel zur Verfügung, die immer mehr IT-Herausforderungen bewältigen müssen. Das bringt die IT-Governance enorm unter Druck, weil sich der Zielkonflikt zwischen strategischen Projekten und Erhaltungsmaßnahmen verschlimmert. Ein Beispiel für Erhaltungsmaßnahmen war die SEPA-Einführung: Sie war kein Element einer Strategie der Unternehmen, aber wenn sie nicht umgesetzt worden wäre, hätten Unternehmen von einem Tag auf den anderen keine Überweisungen mehr tätigen können. Ein weiteres Beispiel ist die Umstellung auf neuere Betriebssysteme, wenn der Hersteller keinen Support mehr leistet. Durch solche Maßnahmen entsteht eine Grundlast an Projekten, die vor strategischen Projekten bedient werden müssen.

Connected Industry: Das alles klingt fast schon nach Innovationsbremsmanöver. Nimmt die IT-Governance die Rolle des Spaßverderbers ein?

IT-Governance ist in der Tat ein Stück weit Selbstverwaltung. Man muss es sich aber einmal über die handelnden Personen vorstellen: Wenn ein Unternehmen vielleicht 25 IT-Mitarbeiter hat, kann der CIO noch recht einfach in Erfahrung bringen, was in der IT passiert, welche IT-Systeme im Einsatz sind und wie sie genutzt werden. Für deutlich größere Unternehmen, spätestens aber ab dem gehobenen Mittelstand mit einer IT größer als 150 Mitarbeiter, werden zehn Mitarbeiter benötigt, die die IT-Governance verantworten und umsetzen, und damit erreichen, dass in der IT auch wirklich das gemacht wird, was dem Unternehmen nutzt, und dass bei Problemen gegengesteuert werden kann. Die IT-Governance dient dem Unternehmen also nicht dazu, Innovation durch IT zu verhindern, sondern eben erst zu ermöglichen, weil die PS der IT sonst nie auf die Straße des Unternehmens kommen.